Dienstag, 14. Mai 2013

Entschleunigung mit Chartreuse

Es gibt Menschen in Frankfurt am Main, die trinken keinen Chartreuse. Sie baden auch nicht darin und reiben sich auch nicht damit ein. Sie mögen diesen Likör der Liköre einfach nicht. Oder: Sie sind noch nicht reif dafür. Noch nicht.

Die Hessenmetropole ist bekanntlich die deutsche Chartreusehauptstadt und verkonsumiert - auch wenn mir keine belastbaren Zahlen vorliegen - mindestens genauso viel vom Verte wie der Rest der Republik. Ach was sage schreibe ich da! Mehr als ganz Resteuropa. Ausgenommen vielleicht die Gegend um Grenoble. Aus dieser Ecke der französischen Voralpen stammt Chartreuse. Der Chartreuse. Das grammatikalische Geschlecht vom deutschen 'der Likör' abgeleitet. Der gebildete (?) Mensch sagt in unseren Breiten 'die Chartreuse' und leitet aus dem Französischen ab.

Dies und noch einiges mehr wird dieser Tage unter Anleitung des deutschen Brandmanagers Steffen Hubert (Mancher kennt den noch von seinen meist gelungenen Beiträgem im Barmagazin "Mixology") aus dem Vertriebshaus Borco in verschiedenen Bar- und Cocktailkreisen erläutert. Es geht auch um Mönche, Schweigegelübde, Geheimrezepte, über 400 Jahre Spirituosengeschichte und Bruno von Köln. Das klingt nach Storytelling. Ist es zum Teil auch. Ist aber auch Realität.

In selbiger wandelten am gestrigen Montag einige Wissendurstige unter einer grauen Wolkendecke durch Münchens botanischen Garten, um aus kundigem Mund einige Beispiele für ess- bzw. genießbare Pflanzen vorgeführt zu bekommen. Nach der Exkursion führte der Weg in Stefan Gabànyis treffend benannte Bar "Bar Gabànyi". Dazu nur eines: Man kann in/mit einem Barbetrieb ein gigantisches Ballyhoo vollführen ohne je cool zu werden. Stefan und sein Laden sind es von Natur aus und man fragt sich - während ein nicht zu überbietender Last Word (mit Alipus San Juan Del Rio Mezcal statt Gin) serviert wird - wie das früher ohne diesen Hort der Barkultur in München so gewesen sein musste. Also vor 2012.

Zurück zum Thema. Zurück zu Karthäusern, Karthause und rund 15 verschiedenen Frucht- und Kräuterlikören aus dem Hause Chartreuse. Die galt es zu Verkosten, aber mit Bedacht, denn Steffen Hubert hatte auch noch 60 Proben von getrockneten Kräutern dabei, denen sich die Gäste widmen konnten. Damit wurde übrigens nicht die Hälfte der chartreuschen Zutatenliste (über 130 Kräuter, Blumen und Gewürzen sollen ja drin sein) verraten - das Rezept ist schließlich geheim und selbst den Hamburger Borcos nicht bekannt.

Ich rate dem Leser an dieser Stelle zu einer Kostprobe des pfeffrig-kantigen "Chartreuse 1605 - Liqueur D'Elixier Des Pères Chartreux" (56% Vol., 0,7l ca. 30-40 EUR). Ob man davon eine Flasche für die Nachwelt im persönlichen Weinkeller verstecken sollte, ist jedem selbst überlassen. Die von Herrn Klaus St. Rainer mitgebrachte sehr anislastige Abfüllung - datiert auf eine Periode um 1900 - zeigte nach einiger Zeit im Glas ein nach Bockshornkleesamen (!) duftendes Bukett. Die frische Lakritzspur auf der Zunge blieb aber erhalten. Beeindruckender Stoff. 100 Jahre Bottleaging? Das nenn ich mal 'entschleunigt' - What A Drink!

 
 
 
 
 

Auf den großartigen Dokumentarfilm "Le Grand Silence" sei ergänzend verwiesen.

Montag, 13. Mai 2013

Ardbeg Ardbog - Whisky für die Applekids?

Längst ist bekannt, dass die einzige (!) Limited Edition des Jahres 2013 aus dem Hause Ardbeg den Namen Ardbog tragen wird. Am sogenannten Ardbeg Day - dem 1. Juni 2013 - ist der offizielle Verkaufsstart. Am 1. Mai konnten Mitglieder des Ardbeg Committees online je eine Flasche bestellen, die ihnen dann am Tag der Tage vom Zusteller ins Haus gebracht wird - für 70 EUR pro Flasche zuzügl. 16 EUR Versandkosten. Der Rest der Welt hofft anschließend auf die Versorgung über den Einzelhandel.

Ist gegen ein solches Geschäftsgebahren irgendwas zu sagen? - Nein. Definitiv nicht. Natürlich hat es mir etwas besser gefallen, als es noch "richtige" Committeebottlings wie bei Supernova und Corryvreckan gab, denen dann erst - mit zeitlichem Abstand - die Normalausgabe nachfolgte. Aber was brachte mir das? Einen Hauch von Exklusivität? Zusammengehörigkeitsgefühl eines Verbrauerclubs mit mehr als 100000 Mitgliedern? Eine Flasche mit sandfarbenem statt schwarzem Label?


Wir Ardbegians von gestern (und bitte auch die von vorgestern) dürfen nicht vergessen, dass es auch Menschen gibt, die erst morgen auf Single Malt Whisky und Ardbeg stoßen werden. Für diese Spätgeborenen (und auch für uns) stellt das Wirtschaftsunternehmen, das diese feinen Spirituosen produziert, nunmal seine Whiskies her. Und dass die steigende Nachfrage nach besonderen Flaschen neben der Corerange längst nicht mehr mit Singlecaskabfüllungen befriedigt werden kann, sollte für jeden Klardenkenden nachvollziehbar sein. Deswegen also Limited Editions. Eine oder zwei davon pro Jahr. In größeren oder kleineren Auflagen. Je nach persönlichem Geschmacksempfinden mehr oder weniger innovativ zusammengestellt. Gut so.

Der Ausgabepreis der letzten Limiteds war dem Produkt (Ich verwende hier mit Absicht diesen Begriff) und dem Standing der Marke sicher angemessen. Den späteren Verkaufspreis im Auktions- UND Einzelhandel (auch reguläre Onlinehändler bepreisen Alligator und Galileo mit 150 EUR) bestimmen dann wieder Verfügbarkeit und Nachfrage.

Ein reales Dialogbeispiel zum Thema (Sammler)Preise möchte ich an dieser Stelle noch anfügen. Ardbegfreund 1: "Ich würd mir gern nen Lord Of The Isles genehmigen." Ardbegfreund 2: "Dann kauf Dir doch eine Flasche." Ardbegfreund 1: "350 EUR würd ich investieren." Ardbegfreund 2: "Unter 500 geht nix mehr. Wirst eher bald 700 bezahlen müssen." Ardbegfreund 1: "Das ist mir der Stoff nicht wert." Ardbegfreund 2: "Ja, dann eben nicht."

Achso. Ich hätte fast vergessen zu schreiben, dass der Ardbog mit seiner (teilweisen) Reifung in Manzanilla-Sherry-Fässern ein verdammt guter Malt ist. Und: Es ist ein Ardbeg.

>>> Peaty Pull- und Ardbeg Day-Veranstaltungen in Deutschland und der Schweiz:

25. Mai - München Tara Whiskyshop
29. Mai - Bonn Reifferscheid
1. Juni - Frankfurt Whisky Spirits (Anmeldung erforderlich)
1. Juni - CH-Mörschwil Glenfahrn (ausgebucht)

Donnerstag, 2. Mai 2013

Wiedervorlage: Rum Single Cask Bottlings

quality or quantity
don't tell me they're the same.
("Quality Or Quantity", Bad Religion, 1990)

"Kannst Du mir mal die Mediadaten zu Deinem Blog rüberschicken? Wie erfolgreich bist Du denn?" - Erfolgreich? Wie erfolgreich ist dieser Blog hier? Diese Frage hab ich mir nie gestellt und werde das auch in Zukunft nicht tun. Zumindest will ich Erfolg nicht in Zugriffszahlen und Blogstatistik messen. Erfolg wird nach meiner Meinung messbar, wenn Leute, über die du geschrieben hast sagen "Guck mal, das hier ist DER Blogger.", wenn sie dich jemandem vorstellen. Dann wissen alle Beteiligten, dass über DEN Blogger vorher nicht gerade in grenzenloser Liebe und Zuneigung gesprochen worden war. Ich hüpfe in solchen Situationen (innerlich) vor Freude auf und ab.

Menschen, die Spirituosen verkaufen, werden Erfolg sicher auch in der Anzahl der verkauften Flaschen messen. Vielleicht sogar in der Anzahl der verkauften Flaschen in einer bestimmten Zeitspanne - z.B. wieviele Stunden es gedauert hat, um ein paar tausend Flaschen Ardbeg - 'tschuldigung - Ardbog loszuschlagen - inklusive Serverzusammenbruch aufgrund des Ansturms etc. Man könnte Erfolg aber auch in Qualität messen. Ein schottischer Master Distiller oder Blender wird vielleicht auch manchmal darauf schielen, was über den von ihm geschaffenen Whisky so alles gesagt und geschrieben wird. Gleiches gilt für die sog. "unabhängigen Abfüller", die bestimmte Whiskyfässer aus einer Vielzahl angebotener Proben nach eigenem Geschmack auswählen, abfüllen (lassen) und dann feilbieten.
 
Einige dieser Herrschaften haben sich in den letzten Wochen und Monaten sehr verdient gemacht - und zwar um Rum. Nachdem unsereins jahrelang jeden besseren und nicht so guten, jungen oder lang gelagerten Tropfen, den die italienischen Labels/Firmen Moon Import, Samaroli, Velier, usw. sowie ihre schottischen Pendants Cadenhead's, Berry Bros. Rudd oder Bristol Spirits in Flaschen gepackt haben, gierig aufgesogen hat, wurde ich nun von zahlreichen neuen Abfüllungen aus aller Herren Rumländer aufs Positivste überrascht - und zwar in cask strength, ungefiltert, ungefärbt, ungeblendet aus einem Einzelfass! Was im Bereich der Single Malts längst niemanden mehr vom Hocker haut, war bei Rum bislang selten. Sehr selten sogar. Aber diese Dürreperiode ist vorbei und daher konnte ich zusammen mit einem kompetenten Mittester letzte Woche mit 17 brandaktuellen Fassstärken einen Rumabend absolvieren, der nur einen Teil der im Moment marktgängigen Flaschen umfasste. Da ich den werten Leser nicht mit langen Beschreibungen der Flaschenform und noch längeren Tastingnotes langweilen will, hier nur kurz ein paar Anmerkungen zu unseren Favoriten:  

Panama, Don Jose, 8 Jahre, 54,5%, The Rum Cask (ca. 45 EUR): In der Nase Islay Malt (Port Ellen), mit Wasser mehr Vanille; Am Gaumen nur kurz süß, dann schnell trockner, Gin, Wacholder, Ein Abgang mit Torfrauch. Das soll Panama sein? Geil.
 

Guadeloupe, Bellevue (Melasse), 14 Jahre, 54,4%, The Rum Cask (ca. 73 EUR): Was für eine Farbe! Eichenfass; rund aber komplex; mit dunkler Schokolade, trocknem Sherry, dunkel geröstetem Kaffee;
 
Jamaica, Long Pond (Refill Sherry Butt), 10 Jahre, 81%, SMWS (ca. 74 EUR): Wasser bitte! Esternase, Frucht pur; jung und bissig, Jamaikasüße, Silberzwiebeln, etwas Trockenfrüchte, leichtes Holz, lang (und wärmend);

Jamaica, Monymusk, 21 Jahre (Refill Sherry Butt), 66,2%, SMWS (ca. 100 EUR): Feiner Jamikaner mit Sherrynase; reife, rote Früchte; fein und komplex; Ein perfekt gereifter, karibischer Gentleman im Sherrymantel; Great!

Barbados, Rockley Still, 25 Jahre, 52,7%, Duncan Taylor (ca. 96 EUR): Chinosoltabletten (gegen z.B. Fußpilz), medizinisch, alter Lederschuh; sehr komplex mit Bienenwachs und Honig; Rauch nimmt nur langsam ab;

Guyana, Uitvlugt, 23 Jahre, 54,9%, Duncan Taylor (ca. 110 EUR): trockene Frucht, frische Eiche; einfach guter, ausgereifter Rum, der immer lebendig erscheint;

Guyana, ???, 24 Jahre, 52,6%, Isla Del Ron (ca. 115 EUR): Pinienwald, altes Buch, etwas klebrige Nase; dann aber rund und ruhig, Rum wie ein langer Fluß, Melasse;

Guyana, ??? (Refill Sherry Butt), 21 Jahre, 71,4%, SMWS (ca. 105 EUR): Wasser! Demerara; alte Möbel, Politur; Sherryfass! aber bei der Power nur zur Abrundung; immer trockner, sehr komplex;

Neben diesen sieben gefielen uns auch die Jamaikaner von The Rum Cask (Hampden Estate, 12 Jahre, 62%) und Isla Del Ron (29 Jahre, 56,2%) sowie der Enmore von Duncan Taylor (27 Jahre, 52,5%) besonders gut. Was haben wir gelernt? - Alte Jamaikaner (auch schön, der 35-years-old von The Whisky Agency) und Rum aus Sherryfässern sind wie Demerararum (insbesondere ab 20 Jahren Lagerzeit) immer einen Versuch wert.

Herr Owczarek von The Rum Cask war so nett mir ein paar Fragen zu beantworten.

wad: Sie haben Erfahrungen mit eigenen Maltwhiskyabfüllungen gemacht und sind neuerdings mit "The Rum Cask" auch mit fünf verschiedenen Singlecask-Rums auf dem Markt vertreten. Wie kam es zu Ihrer Entscheidung gerade jetzt auch auf Rum zu setzen?

Herr Owczarek: Nachdem wir uns die letzten Jahren im Bereich Single Malt Whisky immer tiefer in die Materie eingearbeitet hatten (mit Verwandschaft in Schottland ist das gar nicht so schwer), sind wir in letzter Zeit  immer wieder auf der Suche nach anderen hochwertigen Bränden gewesen. Man will ja seinen Horizont erweitern. Dabei habe ich immer wieder verschiedene Rumabfüllungen getestet. Es waren durchaus tolle Vertreter dabei. Oft störte mich aber, dass es wenige Rums in Fässstärke gab. Die höherprozentigen Abfüllungen sind meiner Meinung nach bei den Single Malt Whiskies oftmals viel interessanter. Warum soll es bei Rum anders sein? Also suchten wir nach Fässern mit Rum wie Gott sie schuf. Nachdem wir dann auch wirklich Proben bekamen, waren wir von den Qualitäten begeistert. Die mussten unbedingt abgefüllt werden. Andere sollen auch das Vergnügen haben solche tollen Abfüllungen zu trinken. Wir denken, hier sieht man was bei Rum wirklich möglich ist.

wad: Ihre Abfüllungen sind erst seit ein paar Wochen auf dem Markt. Aber vielleicht haben Sie schon eine Einschätzung, wie der Stoff bei den Kunden ankommt - z.B. bei Whiskymessen?

Herr Owczarek: Auf der Whiskymesse in Bochum hatten wir schon unsere Rums mit dabei. Wir waren überrascht wie gut sie bei den Kunden ankamen. Besonders Inhaber verschiedener Bars lobten die Qualitäten und bestellten verschiedene Abfüllungen um Ihr Programm zu bereichern. Das war für uns das Feedback alles richtig gemacht zu haben und gab uns noch mehr Ansporn weitere Abfüllungen folgen zu lassen.

wad: Sie dürfen über die Quelle Ihrer Rums nichts verraten. Ich denke, es wurden Ihnen aber mehr Fässer angeboten, als Sie derzeit im Programm haben. Planen Sie für die nähere Zukunft weitere Releases?

Herr Owczarek: Wir haben sehr viel Spaß an den jetzigen Abfüllungen. Deshalb haben wir  auch unseren Shop in The Whisky Cask und The Rum Cask umbenannt. Mit  Sicherheit werden das nicht unsere letzten sein. Für uns ist aber eines das wichtigste: Die Qualität muss stimmen.

Sehr schön. Da kann ich nur zustimmen. Eine Einzelfassabfüllung ist ein ungeschliffenes, authentisches Dokument. Nicht mehr - nicht weniger. Aber bitte mehr davon!

Sehr sachliche und fundierte Besprechungen weiterer Single Cask-Rums gibt es auf dem lesenswerten Blog barrel-aged-thoughts nachzulesen und auch Herr Valentin von whiskyfun widmet sich von Zeit zu Zeit Zuckerrohrdestillaten.

Ich darf an dieser Stelle anmerken, dass ich versucht habe von den deutschen Firmen Isla Del Ron (Malts Of Scotland) und The Whisky Agency weitere Informationen zu deren Bottlings zu bekommen. Während von der einen Seite eine Liste, die nicht mehr als die Angaben auf den Labels enthielt, übermittelt und auf weitere Nachfragen meinerseits die Kommunikation eingestellt wurde, äußerte sich die andere Seite nicht. Enttäuschend. 

Samstag, 27. April 2013

Internationale Cocktails in Nuss - International cocktails in nuts

Der werte Leser kennt das Phänomen? Man hat sich was ganz besonderes zurecht gelegt, aufgespart und für einen bestimmten Anlaß reserviert. Dann ist die Zeit der Vorfreude vorbei und der große Moment ist gekommen...

So oder so ähnlich verliefen die letzten Tage auch für mich und dann hab ich es getan: Ich hab die Schachtel (früher hätte man vielleicht von einer Bonbonniere gesprochen) geöffnet und hab den ersten edlen Tropfen in Nuss in meinen ausgedorrten Mund gesteckt. Schokolade mit Nüssen gefüllt mit... mit Tequila Sunrise. Tequila Sunrise? Wann habe ich zuletzt einen Tequila Sunrise genossen? Wann haben Sie zuletzt einen Tequila Sunrise verkonsumiert? Habe ich überhaupt je einen solchen Tequila Sunrise...? Hm. Ok. Machen wir mit Strawberry Margarita weiter. Was erwartet der Connaisseur von einer Strawberry Margarita? Erwartet man überhaupt etwas von einer...? 

Sie sehen schon, meine Begeisterung wurde irgendwie ein bisschen eingebremst. Der Nachhall des Tequila Sunrise Tropfens tat sein grausiges Werk. In mir kamen leichte Zweifel auf. Jetzt doch lieber erst die Caipirinha? Nein, die Strawberry Margarita sollte es sein. Und sie war... äh. Sie war grenzenlos süß. Ja gut, da war ein Hauch von Erdbeere. Aber bitte. Das war ein Hauch vom schlechtesten Erdbeerlikör (der bestimmt nichts mit der Frucht als solcher zu tun hat), den man sich nur vorstellen kann. 95% Zuckergehalt mindestens. Sonst war da nur Zucker und Zucker und (die Rettung!) Schokolade und gehackte Haselnüsse. Aber ähnlich verlief ja schon die Verkostung des Tequila Sunrise. Null Tequila, null Orange, null Grenadine - nur ein undefinierbarer, süßer, extrem künstlicher Fruchtgeschmack mit ganz leichter Alkoholnote.

Gut, ich hatte kein degustatorisches Feuerwerk erwartet. Aber es geht schließlich um "eine Premium-Spezialität für Geniesser" und da fühle ich mich angesprochen. Ich bin Premium-Geniesser! Die Beschreibung auf der Verpackung läßt auch keinen Zweifel daran: "Die vier verführerischen internationalen Cocktails... in einer fein-kristallisierten Zuckerkruste, bestreut mit knackigen Haselnuss-Splittern, sind umhüllt von zarter dunkler und heller Milchschokolade". Na also.
Dann also doch der Caipi. Irgendwo müssen die 1,2% Zitronen-Limettenlikör ja versteckt sein, die ich laut Zutatenliste miterworben habe. Wäre doch gelacht... Das Resultat? Bei Praline Nummer eins hatte ich zunächst sogar eine Rauchnote wahrgenommen. Mezcal? Hatte man sich beim Hersteller Trumpf Schokoladefabrik GmbH im Flaschenregal vergriffen? Nein. Nummer zwei zerstreute diese Gedanken sofort wieder. Puuh. Ich dachte schon. Die immerhin 1,8% Tequila in den ingesamt 100g Warenmenge hatten mich und meine Geschmacksknospen wohl schon angeknockt. Schnell die 0,8% Jamaica Rum im Planter's Punch nachwerfen. Und siehe da: Ein pappiger Rumgeschmack, der jeden Captain Morgan Spiced oder Bacardi Oakheart zu einer ledrig-trockenen Brühe werden läßt. Im direkten Vergleich, versteht sich.

Fazit: Mit den realen internationalen Cocktails hat Trumpfs Versuch seine angestaubte Edle Tropfen in Nuss-Range etwas aufzupeppen natürlich nichts zu tun. Aber auch gar nichts. Zumindest nicht in 2013. Gehen wir zurück in die späten 80er oder frühen 90er, sieht die Bewertung schon wieder anders aus. Vielleicht ist das doch eher ein Retroprodukt? Oder ist das Ganze ironisch gemeint? Will ein anonymer Fiesling der von sich selbst besoffenen Barszene einen Zerrspiegel vorhalten? Oder sind die fragwürdigen Pralinen das Ergebnis eines misslungenen Versuchs Cocktail-Premixes herzustellen? Alkopapp 3.0?

Genug davon. Zum Abschluß noch Sachdienliches: Zum einen habe ich die Herstellerfirma um eine Stellungnahme gebeten und zielgerichtet nach dem Verursacher (Es gibt durchaus Verdachtsmomente!) der oben beschriebenen Panschereien gefragt. Das ist erbarmunglose Recherche! Antwort habe ich bis heute keine erhalten, werde ich aber ggf. hier nachliefern. Zum anderen stehen mit "Edle Tropfen in Nuss - Weiße Schokolade" und den Füllungen "Bellini", "Daiquiri", "Jamaika-Rum" und "Kir Royal" (!) sowie der besonders perfiden Variation "Italienische Spezialitäten" (beworben von Sky du Mont) u.a. mit "Hugo" und "Veneziano Spritz" die nächsten plombenzieherischen Gruselkabinette (diesmal gleich in  250-Gramm-Packungen) im Süßwarenregal bereit. Darauf ein "Mon Cheri"- What a drink!

Donnerstag, 11. April 2013

Campari Liquid Art Contest 2013 - Hoch die Pilze!

Wie geht das gleich nochmal? Wie hab ich das damals immer gemacht? ...Ich versuche mich gerade zu erinnern, wie man hier nen neuen Blogartikel schreibt und online bringt. Hab ich länger nicht... Aber Sie sehen: Es hat doch noch geklappt! Nun aber zum Thema.
(Kunstverein München)

Wie bei der Erstauflage 2012 fand das Finale des Campari Liquid Art Contest in München statt. Aus über 160 Rezepten hatte der Campari Global Ambassador Mauro Mahjoub die 20 Besten ausgewählt und 17 Bartender und zwei Bartenderinnen waren der Einladung von Campari gefolgt und gaben sich am letzten Montag in der Galerie des Münchner Kunstvereins quasi die Klinke am Brett in die Hand. Von vielen interessierten Zuschauern aus der Branche wurde der Wettkampf live vor Ort verfolgt und als die Resultate der Technik- und der Geschmacksjury sowie des Wissenstests feststanden, war die Überraschung nicht allzu groß: Die drei Finalteilnehmer waren Tatjana Friedrich, Lars Bender und Markus Heinze. Letzterer gewann auch den sog. Technikpreis für die höchste Punktzahl, die die Jury an der Bar (u.a. mit Charles Schumann, Peter Dorelli und Helmut Adam) an diesem Tag vergeben hatte.
(How to serve the godfather)

Alle Teilnehmer und rund 300 geladene Gäste trafen sich dann frisch geduscht und ausgeruht um 22 Uhr in der "beliebten Discothek" P1 (bayrisch: "Oanser") wieder, wo die drei Finalisten ihre Drinks noch einmal für eine dreiköpfige Jury unter Vorsitz von Mauro Mahjoub zubereiten durften. Zudem mussten innerhalb von einer Minute drei Negronis gezaubert werden. Am besten schnitt wieder Favorit Markus Heinze ab, der nun mit Mauro zu den Manhattan Cocktail Classics nach New York reisen darf. Lars Bender, der Zweitplatzierte, wird Mailand kennenlernen und Tatjana Friedrich freut sich über einen Geldpreis. Güldene Rührlöffel gabs ebenso.

(Tatjana Friedrich)

Die drei hatten - auch ich konnte kurz probieren - doch recht brauchbare Drinks nach dem Motto "Create A Classic With A Twist" gebastelt. Heinzes Im Wald und auf der Heide stach dabei auch mit der Deko à la Thorsten Spuhn aus der Menge der mehr oder weniger rotgefärbten Mixgetränke heraus (siehe Fotos). Bemerkenswert ist auch, dass sowohl der Siegerdrink (u.a. mit Steinpilzgeist von Marder Edelbrände) als auch die Martinez-Reconstruction von Frau Friedrich (mit Schladerer Kirschwasser) edle Brände beinhalten. Eine aus meiner Sicht weiterhin viel zu wenig beachtete Sprituosenkategorie.

"Was bringt Campari ein Cocktailwettbewerb?", hat mich dieser Tage eine Freundin gefragt, "Warum machen die sowas?". Nun, wer schon einmal bei einem Mixcontest war - ob als Zuschauer oder Teilnehmer - hat eigentlich schon alles gesehen. Zwar gibt es verschiedenste Veranstalter, Regularien und Anforderungen, mal gehts im kleinen und mal im großen Stil an die Shaker, mal gehts eher um die Ehre und mal um wirklich wertvolle und einmalige Preise. Camparis Liquid Art Contest, der mit dem nationalen Finale abgeschlossen ist, ist eine zweifellos hochwertige Veranstaltung mit äußerst knappem Ausgang und da kann auch mal ein nicht genügend befülltes Glas (Der Inhalt wurde bei der Geschmacksbewertung in Millilitern nachgemessen) den entscheidenden Zehntelpunkt kosten, der über den Ausgang entscheidet. Sympathiewerte oder Geschlechterbonus werden gerade bei der Geschmacksjury, die im stillen Hinterzimmer hockt, komplett ausgeklammert. Dass am Ende der wettbewerbserfahrene Markus Heinze mit einem komplex aufgebauten, perfekt abgestimmten und auch optisch herausragend angerichten Drink (Ich bin persönlich allerdings nicht der Fan von solchen inszenierten Darbietungen) der Nachfolger von Rene Förster wurde, ist dann fast logisch. Die Antwort auf die oben zitierten Fragen ist dann auch nicht nur beim öffentlichen Bohei, das zumindest bei der P1-Party entstanden ist, sondern eben auch in der Aufnahme der Ergebnisse und Rezepturen in der Barkeepergemeinde zu finden. Campari ist nicht nur die konkurrenzlose Zutat in Klassikern wie dem Negroni und die Basis für O-Saft oder Soda, sondern kann auch ein möglicher Bestandteil für kreative Neuschöpfungen sein. In diesem Sinne: Hoch die Pilze!
(Andreas Till von der Stylejury)
(Warten auf die Endresultate)
(Markus Heinze ist der Champion 2013)
 (Siegerdrink: Im Wald und auf der Heide)
(Jurymitglied Helmut Adam - Mixology)
(Heinze bedankt sich und Dorelli tröstet)

(Teilnehmerliste)

(Technikjury)

(Dustin Heimsoth performs)

(Kristian Zrno)
(liebreizende Moderation)
(Lars Bender im Finale)
(Ein Profi gibt sein Glas nie aus der Hand - Peter Dorelli)

(Tatjana Friedrich im Finale)

Sonntag, 3. März 2013

Kavalan - Single Malt aus Taiwan

Beim diesjährigen "Finest Spirits"-Festival in München war, wie auch schon auf der Frankfurter "Interwhisky" und wie bei der Whiskymesse "The Village" in Nürnberg am ersten Märzwochenende, die jetzt in Deutschland erhältliche Range des Single Malt Whiskys "Kavalan" vertreten und konnte in Masterclasses bzw. am Messestand verkostet werden. Daran ist zunächst nichts besonders zu bemerken, kommen doch fast täglich neue und - glaubt man den Beschreibungen der Marketingmenschen in ihren Presseinfos - immer noch bessere Whiskys auf den Markt. Aber "Kavalan" kommt aus Taiwan.

"Den will ich gar nicht probieren. Das ist doch wieder so ein Retortenwhisky." Diese Aussage eines Münchner "Finest Spirits"-Besuchers steht in gewissem Gegensatz zu den Auszeichnungen und Bewertungen, die "Kavalan" bzw. etliche Abfüllungen der Taiwanesen in den letzten Jahren einheimsen konnten. Besonders stolz ist man auf den Titel "Asia Pacific Spirits Producer", den man bei der IWSC (International Wine & Spirits Competition) in den letzten beiden Auflagen gewonnen hat und der die Herstellerfirma "King Car Food Industrial Company Ltd." in eine Reihe mit "William Grant & Sons Distillers Ltd." oder "The Glenmorangie Company" stellt. Noch dazu konnte man mit dem "King Car Conductor Single Malt Whisky" in der Kategorie "The Whiskies Of The World" die Höchstnote Gold - Outstanding gewinnen. Sie machen sich nichts aus Awards und Titeln und solchem Tamtam? Zurecht. Unsere japanischen Freunde von der "Suntory Liquors Ltd.", bisher die Abräumer in der Kategorie "Asia" sehen das ein bisschen anders, war zu vernehmen.

Wir wollen aber nicht Edelmetall, sondern Whisky sprechen lassen. Da selbiger sich stimmlich zunächst ein bisschen zierte, wurde er durch Masterblender Ian Chang vertreten. Selbiger konnte berichten, dass Mister T.T. Lee, allmächtiger Boss des "King Car"-Nahrungs- und Putzmittelkonzerns (in unseren Breiten durch "Mr. Brown" Dosenkaffee bekannt), nach dem Beitritt des Landes zur WTO in 2002 und dem Fall des staatlichen Alkoholmonopols mit der Planung einer Destillerie nach schottischem Vorbild begann. Nach nur neun Monaten Bauzeit wurde der Komplex 2005 vollendet und am 11. März 2006 floss der erste New Spirit aus feinsten, schottischen "Forsyths"-Brennblasen.

An dieser Stelle kurz ein paar Daten. Die durchschnittliche Außentemperatur liegt in Taiwan (bekanntlich eine Insel östlich der VR China, ungefähr auf der Höhe von Hongkong, nördlich der Philippinen, völkerrechtl. Status ungeklärt) bei 25-27°C übers Jahr gesehen. Ein subtropischer Sommer geht dabei aber gern mal von März bis Oktober und bringt dabei Tageshöchstwerte von 37-40°C mit. Das ist überhaupt nicht schottisch und bringt daher einen für Whiskyliebhaber beunruhigenden Angels' Share von rund 15-18% mit sich. Das Fasslager ist ein fünf Stockwerke hohes, modernes Warehouse, in dem - insbesondere in den oberen Stockwerken - extrem hohe Temperaturen herrschen. Diese klimatischen Umstände führen zu einer Art Turboreifung des Destillats. Nicht zuletzt die Beratung durch Whiskyguru Dr. Jim Swan (Consultant und bekannt als Master Blender bei "Penderyn") führte zu einem von Anfang an konsequent professionellen Fassmanagement. Verwendet werden Ex-Bourbon-, Ex-Sherry-, Ex-Wein- und auch Ex-Whiskycasks (!) - letztere aus Schottland und Japan, die, sobald befüllt, jedes Jahr qualitätstechnisch kontrolliert werden - jedes der zur Zeit 30.000-35.000 Fässer wohlgemerkt, da sich bei dem enormen Reifungstempo auch Fehler extrem schnell ausbilden können. Nicht alles bringt also nur Vorteile. Die verwendete Gerste (3-4 verschiedene Varietäten) wird hauptsächlich aus Schottland, England, Schweden und Australien bezogen. 
Während für den taiwanesischen Markt auch Whiskys mit nur zweijähriger Lagerdauer produziert werden, kommt der Standardwhisky "Kavalan Single Malt" (40% Vol., verschiedene Fasstypen, ca. 60 EUR) in der Abfüllung für Europa als dreieinhalb- bis vierjähriger Single Malt in die Flasche. Der recht ordentliche Malt hat mich mit seinen Mandel- und Citrustönen bei doch recht honiglastigem Malz nicht vom Hocker gerissen. Das Portfolio reicht über den "Concertmaster" mit Portweinfassfinish und dem oben genannten "King Car Conductor" zu den Einzelfassabfüllungen (Cask Strength, ungefärbt, keine Kältefiltrierung) namens "Solist". Ah ja. Hier werden wir fündig. Der "Vinho" (aus einem nicht weiter beschriebenen Ex-Weinfass, 57,7% Vol., Cask: W071210053, ca. 100 EUR) war weniger mein Typ als der "Solist" aus einem Ex-Bourboncask (56,3% Vol., Cask: B080616033, ca. 120 EUR), der einfach ein reinrassiger Ex-Bourbonmalt mit Schlüsselaromen von Vanille, Kokosnuss und Honig ist. Gelungen! Noch besser finde ich den "Solisten" aus einem Olorososherryfass (58,6% Vol., Cask: S060703032, ca. 130 EUR). Ich durfte davon mittlerweile aus drei verschiedenen Fässern - alle vom gleichen Produktionstag - kosten. Und alle drei waren - nunja - kleine Sherrybomben mit viel Frucht und - bei aller Power - mit angenehmer Süße. Die haben mir persönlich auch besser gemundet als der - für mich - doch reichlich eckige "Solist Fino Sherry" (58,1% Vol., Cask: S060814050, ca. 255 EUR), für den zudem noch ein etwas abgehobener Preis aufgerufen wird. Nunja. Zum blauetikettierten "Vinho" darf ich noch eine Besonderheit vermelden: Hier kommen spanische, portugiesische und italienische Rot- und Weißweinfässer zum Einsatz (natürlich immer nur eines pro Bottling), deren Innenseiten mit der Hand "abgehobelt" und anschließend einem neuen Toasting & Charring unterzogen werden.
Die Fasscodes sind leicht zu entschlüsseln: B, S oder W steht natürlich für den Typ Bourbon, Sherry oder Wein. Dann folgt das Destillationsdatum - z.B. 060703 für den 3. Juli 2006. Dann folgt noch die dreistellige Fassnummer - z.B. 032. Das Bottlingdate ist nicht auf dem Etikett, sondern auf der Flasche aufgedruckt. Die derzeit aktuellen Flaschen im deutschen Einzelhandel wurden rund um den 24.12.2012 abgefüllt. So lässt sich das genaue Alter kinderleicht ermitteln. Bei genauem Hinsehen bemerken wir also, dass bei Sherryfässern die Ausbeute rund 550 Flaschen nach einer Lagerdauer von über sechs Jahren beträgt, während bei Bourboncasks nach rund 4,5 Jahren nur ca. 200 Flaschen abgefüllt werden. Viel Spaß beim Rückrechnen auf die ursprüngliche Füllmenge und Fassgröße.

In München stand mir neben Herrn Chang auch Whiskyfachmann Bernhard Schäfer Rede und Antwort, der das asiatische Team in Deutschland bei Master Classes und Seminaren unterstützt.

whatadrink: Bernhard, "Kavalan" Whisky ist ganz neu in Deutschland. Wo würdest Du diesen Whisky in Deiner persönlichen Whiskywelt ansiedeln?

Bernhard Schäfer: Meine persönliche Whiskywelt ist die Welt des rauchigen Whiskys. Das ist bisher - einen sehr leckeren "Kavalan", der in einem Islaywhiskyfass gelagert wurde, durfte ich allerdings in Taiwan bereits probieren - nicht die Ausrichtung von "Kavalan". Wir dürfen bei aller Lieb zu dem ganzen rauchigen Zeug nicht vergessen, dass sich weltweit gesehen der nichtrauchige Whisky größerer Beliebtheit erfreut. Aber um auf Deine Frage zurückzukommen: Das ist einfach sehr guter Whisky! Wenn wir beide morgen mit der Whiskyproduktion beginnen würden, gäbe es viele Punkte zu beachten. Und all das, was man dabei steuern kann, haben die Menschen bei "Kavalan" richtig gemacht. Die haben den besten Mann als Berater, die beste Herstellerfirma für ihr Equipment, und die besten Fässer, die man für Geld bekommen kann. Und dazu hat man in Taiwan ein lustiges Klima. Zudem experimentiert man dort auch. Zum Beispiel hat man die Fässer aus allen großen amerikanischen Destillerien getestet und festgestellt, dass man außer mit Fässern von "Jack Daniel's" gleichbleibend gute Resultate erzielt. "Kavalan" funktioniert einfach nicht mit "Jack Daniel's"-Fässern.

wad: Wir kennen mittlerweile japanische und indische Whiskies und betrachten beide als eigenständig. Gleiches muss man dann - bei allem schottischen Know-How, das in "Kavalan" steckt - auch für taiwanesischen Whisky gelten lassen?

BS: Ja, Du musst dabei auch sehen, dass außer Japan kein Land in Asien eine Whiskytradition hat. Und dieser Whisky kann mit jedem schottischen Whisky mithalten. Die Ergebnisse in internationalen Blindverkostungen sprechen eine eindeutige Sprache.

wad: Mir hat der "Solist Sherry", also aus dem Olorosofass, bislang am besten gefallen. Ein fruchtiger Sherrywhisky, der bei aller Zugänglichkeit nicht langweilig ist. Wer ein bisschen Ahnung hat, weiß aber auch eine gelungene Ex-Bourbonfass-Abfüllung zu schätzen.

BS: Ich finde, grade an einem Bourbon-Single Cask siehst Du die Qualität der Destillation. Sherryfasswhisky bietet immer die Möglichkeit mit intensivem Sherryholz das ein oder andere abzudecken. Das ist beim Bourbonfassausbau nicht ganz so einfach. Da kommt schon viel deutlicher die Qualität des New Makes durch. Dazu kommt, dass man Segen und Fluch zugleich hat, da durch die Temperaturen und die hohe Luftfeuchtigkeit vor Ort, die Reifung sehr schnell vor sich geht und so auch schnell Fehler passieren können, die nicht mehr zu "reparieren" sind. "Kavalan" hat da ziemlich Stress mit der Überwachung des Lagerbestandes.

wad: Der indische Hersteller "Amrut" hat ja ein ähnliches Klima/Lagerproblem und hat mit interessanten Experimenten wie "Intermediate", "Two Continents" und "Herald" zum Teil auch Whisky in Europa reifen lassen. Kann man von "Kavalan" Ähnliches erwarten?

BS: Ich glaube nicht. "Kavalan" fokussiert sich zum einen darauf einen guten Whisky zu machen. Damit hat man genug zu tun und verkaufen will man den auch erstmal. Die Range ist schon ziemlich groß und drei neue Abfüllungen, die ich noch gar nicht im Detail kenne, sind schon in der Pipeline - u.a. auch die Islaycaskgeschichte.

wad: Das ist doch überhaupt eine verrückte Entwicklung, dass Whisky, Rum, Gin oder Wein durch eine mehr oder weniger lange Fasslagerung Islaycharakter verliehen wird.

BS: Moment. Islaycharakter stimmt ja nicht. Es gibt doch genügend Whiskyabfüllungen von Islay, die überhaupt nicht mit getorftem Malz zu tun haben. Aber zurück zu Deiner Frage. Bis zu einem gewissen Punkt ist "Kavalan" also auch innovativ. Man muss aber nicht alles machen. Ich sehe weder ökonomische noch olfaktorische Vorteile. Die Auswahl ist ja jetzt schon ziemlich breit.

wad: Noch eine Frage, die vielleicht Leute interessiert, die sich jetzt die eine oder andere Flasche vom "Solist" kaufen. Hast Du Informationen dazu wieviele verschiedene Einzelfässer im Jahr (für uns in Deutschland) abgefüllt werden?

BS: Kann ich nicht sagen, wird aber sicher mit dem Abverkauf zusammenhängen. Der "Solist" wird derzeit nach Frankreich, Großbritannien und Deutschland exportiert. Du musst schon sehen, dass das echter Hardcore-Singlecask inklusive no-coloring und no-chillfiltering ist. Frankreich hat da sicher andere Fassnummern als bei uns.

wad: Stimmt.

BS: Es wird eben auf die Nachfrage ankommen. Bei uns ist der Stoff ja erst seit zwei Wochen erhältlich.

wad: Wer ist denn eigentlich der Vertriebspartner in Deutschland?

BS: Das macht die Firma selber. Man wollte sich wohl zunächst einen Großhändler suchen, aber da man eh selber importiert, vertreibt man jetzt auch direkt an die Einzelhändler.

wad: Danke für das Gespräch.
Fazit: Ausgezeichneter Stoff aus einer State-Of-The-Art-Destillerie + Lagerung bei subtropischem Klima + hochklassiges Fassmanagement = komplexer Whisky mit vielen entdeckenswerten Nuancen aus einem whiskyverrückten Land. 

Taiwan rangiert mit "nur" 23 Millionen Einwohnern unter den Top Ten der Whiskynationen, was den Verbrauch anbelangt und das Kavalansche Visitor Center besuchen jährlich rund 1 Mio. Menschen - mehr als in allen schottischen Destillerien zusammen. Als einziges Manko des Ganzen bleibt der relativ hohe Preis im Vergleich zu schottischen Destillaten. In Taipei liegt der Stoff übrigens auch auf ordentlichem Preisniveau. Eine Flasche "Solist Sherry" kostet dort umgerechnet etwa 100 Euro. Dazu darf man auch im Hinterkopf behalten, dass "Kavalan" keine urige Micro Farm Distillery ist, sondern bisher jährlich 9.000.000 Flaschen auswirft. Der Neubau einer zweiten Produktionslinie plus neuer Lagerhäuser wird wohl bereits angedacht. Aber war z.B. japanischer Whisky jemals günstig? Eben.

Und um abschließend auf den obigen Vorwurf des Retortenwhiskys zurückzukommen. Wer sagt denn, dass man als kleiner schottischer Schwarzbrenner, der sich vorm Steuereintreiber versteckt, anfangen muss, um 200 Jahre später erfolgreich Whisky verkaufen zu können?

Da ich nicht der Erste und sicher auch nicht Letzte bin, der über "Kavalan" schreibt, darf ich dem Leser viel Spaß bei einer ergänzenden Internetrecherche wünschen. Hier ein paar aktuelle YouTube-Clips: