Montag, 20. Juli 2015

Navy Rum

"Navy Rum, as issued to the Fleet, was blended in such proportions as long experience had shown to produce the flavour preferred by the men.” (First Lord of the Admiralty, Westminster, 02/03/1933)

"You never let it rest in your mouth, of course. It has to go straight down, it's not allowed to stay in your throat or it would burn it off. But by God it tasted good." (Bill Winstanley, Navy Rum Fan)

"What A Drink!" (whatadrink!-Blog, 2015)

Navy Rum - Was verbirgt sich hinter diesem Begriff? Kurze Einleitung: Die Royal Navy hatte seit im 17. Jahrhundert eine enge Bindung zu Rum auf ihren Schiffen entwickelt, was sich durch die tägliche Ausgabe einer Rumration an die Seeleute, ein sogenanntes Tot, manifestierte. Das Tot wurde mengenmäßig über die Jahrhunderte immer kleiner, bis es 1970 ganz abgeschafft wurde (s. Black Tot Day). Gut. Zunächst Ende der Story.


Bei der Navy hatte sich eine Rezeptur für einen bestimmten Rumblend eingeschliffen, die inkl. Namensrechten 1979 ein Geschäftsmann erwarb und daraus die Marke Pusser's Rum kreierte. Vorher hatten sich schon Marken wie Lamb's Navy Rum, Wood's Old Navy Rum etc. etabliert, die den Navy Style in zivilen Gefilden fortführten - offizielles Rezept hin oder her. Meist stecken Destillate aus Guyana, Jamaika, Barbados und/oder Trinidad im Blend, der i.d.R. mit stattlichen Alkoholgraden von über 50% Vol. abgefüllt wird - Stichwort: Navy Strength. Letztere wird unterschiedlich interpretiert. Pusser's kommt in seiner Standardvariante (bisher als Blue Label bekannt, jetzt Gunpowder Proof mit schwarzem Etikett) inzwischen mit 54,5% Vol. in die Flasche (in den ersten Jahren mit 54%), während Wood's zum allgemein verbreiteten Navy Strength-Wert von 57% greift.
Aber bleiben wir noch kurz beim Pusser's. Den gibt es auch in einer 40%- bzw. 42%igen Abfüllung (kann man vergessen) und mit 75% Vol. zu kaufen. Letzterer ist feinster Overproof-Stoff für ca. 30 EUR/0,7l. Die Krönung der Produktpalette ist aber der Nelson's Blood. Eine (leider mit rund 25g/l aufgezuckerte) 15jährige Variante mit 40% Vol., die von der Power der hölzernen Port Mourant Double Wooden Pot Still der Demerara Distillers Ltd. geprägt ist (mindestens 80-85% soll der Anteil davon im Blend sein). Das ist ein Rum, der irgendwie den Einstieg in die Oberklasse darstellt und zugleich zeigt wie echter Rum schmecken kann. Noch besser: Der gleiche Spaß mit 47,75% im 1-Liter-Porzellandekanter. Schade, dass der mittlerweile landauf und landab ausverkauft ist.

Dekanter ist natürlich das falsche Wort. Flagon wäre richtig, womit wir auch bei einem Begriff wären, den es zu erläutern gilt. Vergessen Sie die Flagons von Lamb's oder Pusser's. Die Dinger sind nur als hübsche Geschenkverpackung zu verstehen. Der historische Bezug ist fraglich und die Lagereigenschaften sind bei Porzellanbehältnissen auch nicht gerade top. 

Rückblende. Wie wurde aus karibischem Rum der echte Navy Rum? Der Stoff kam in Fässern in den britischen Häfen an, wurde gelagert, geblendet und an den Navynachschub ausgeliefert. In Flaschen? In Fässern? - Nein, in Flagons! Das waren aber traditionelle Stone Ware-Flaschen (glasiertes Steingut) ummantelt mit einem Korbgeflecht und mit einem Fassungsvermögen von einer Imperial Gallon (4,54 Liter). Als vor einigen Jahren die Abfüllung Black Tot - The Last Consignment - British Royal Naval Rum vorgestellt wurde, wurde verbreitet, dass der Navy Rum in drei Soleras in England bzw. geblendet wurde. Diese wurden 1970 geleert, der Rum in die Flagons gebottled und rund 40 Jahre zum Teil unterirdisch eingelagert, bis der Bestand aufgekauft und der Black Tot daraus kreiert wurde. Enthalten seien also Navy Rums aus allen drei Soleras, da die Rums jeweils unterschiedliche Profile aufgewiesen hätten. Hat dies zu einem authentischen Ergebnis geführt? Wieviele Flaschen vom Black Tot nun tatsächlich abgefüllt worden sind, konnte ich nicht verlässlich recherchieren. Zu Bedenken ist aber, dass es sich um einen Blend aus Blends handelt. Und außerdem ist kaum anzunehmen, dass der Rum über 300 Jahre gleich geschmeckt haben soll. An dieser Stelle muss man auch Schwankungen im Geschmacksprofil durch fehlende Verfügbarkeit einzelner Komponenten z.B. in Kriegszeiten, wenn auch australischer Rum u.a. verwendet wurde, in Betracht ziehen. Festzustellen bleibt auf jeden Fall, dass Navy Rum nicht gleich Navy Rum ist, auch wenn er aus historischen Flagons stammt.

Warum nerde ich so auf den Flagons rum? Tatsache ist, dass ab den 1980ern und besonders in den 1990ern einige Buddels auf dem Markt aufgetaucht sind. Die Mehrzahl davon soll aus (aufgelösten) Depots in Deutschland (Münster, Bielefeld, Berlin) und den Niederlanden (Antwerpen) stammen. Die Navy hatte Rum in Bielefeld gelagert? Was soll das denn? Nun, zum einen gibt es Stimmen, die behaupten, dass es sich dabei um Army Rum handelte, der nicht aus den besagten Soleras stammen soll, sondern lediglich kurz gelagerter Jamaikarum sei. Andere behaupten, dass es da keinen Unterschied gebe und der Lagerbestand aus 1970 auf verschiedene Lager auch außerhalb der britischen Inseln verteilt wurde.

Lassen wir diesen Punkt offen. Ich konnte eine Probe aus einem Antwerpen-Flagon  bekommen - Destillationszeitraum: 1940er. Oha! Einiges spricht dafür, dass ein Teil der Black Tot-Flagons aus dem gleichen Lagerbestand stammten. Im Vergleichstest stehen folglich Nelson's Blood und Black Tot ihren (See)Mann und ein neuer Rum aus England ist auch noch mit dabei:

Pusser's Rum, Nelson's Blood, 15y, 40%, 45 EUR/0,7l: "The Single Malt Of Rum", wie er vom Marketingdepartment genannt wird, beginnt nach schöner, verheißungsvoller Nase zunächst sweet. Dann aber kommt schon die Port Mourant Still reingestampft und zieht dem Rumrookie den Hosenboden glatt. Da ist der süße Unterton nur noch ein Beiwerk, das man verschmerzen kann. That's rum! Bei aller Reife leider etwas kurz. Sauerstoff tut ihm nicht gut. Mehr alkoholisches Rückgrat wäre wünschenswert, Mr. Tobias

East London Liquor Co. Ltd., Small Batch Demerara Rum, Wooden Coffey Still, 3y, Bourbon Barrels, 40%, 35 EUR/0,7l: Leichte Nase mit etwas Alkohol. Good News: Das ist kein pappiger "Süßrum". Holz, Vanille und Gewürze halten sich die Waage. Haselnußgeist - aber ein guter. Defintiv ein jugendliches Destillat, insgesamt leicht und gar nicht eindimensional. Auch Süßholz, Tabak und Marzipan kommen zum Vorschein. Gut gemacht, da nicht so laborhaft. We love the Enmore Still! Etwas zu jung eben...




Black Tot, The Last Consignment, British Royal Naval Rum, 54,3 % Vol., 700-900 EUR/0,7l: A bisserl Woody. Dann aber Teer, Eiche, kurz: Power. Verkohlte Banane. Cold Ashes. Hintenraus tut ihm etwas Luftzufuhr gut. Aber insgesamt ein zu kurzes und etwas eindimensionales Vergnügen trotz aller Muskeln und Komplexität. That's History! (they said).




Navy Rum, Antwerpen Flagon, distilled 1940s, ca. 54 % Vol., 2000-5000 EUR/4,5l: How oily you are, my new friend. So viel Nase nach so vielen Jahren? Enorm. Gekochte Früchte und Rumtopf nach 30 Minuten. So gut nach so vielen Jahren? Hier steckt Jamaika-Potstill-Kraft im Destillat. Teer und Tabak, aber immer machbar. Bittere Herrenschokolade auf Eichenplanke. OMG. Spices ja, Vanille und so Kram eher im Hintergrund. Dafür langer, trockener Abgang. Immer rund und ausgewogen. The Queen! (they yelled). Der Rum hingegen schreit nach andächtigen Connaisseuren und höherwertigen Rauchwaren, scheint mir.

Fazit: Mit dem Pusser's als Einstieg in die Welt der Demerara/Navy Style-Rums und dem East London als leichten Vertreter aus der Enmore Still sind das zwei ziemlich unterschiedliche und brauchbare Kandidaten in der 40-Euro-Klasse. Dass man Destillate im Stil und mit der Klasse des Antwerpen-Flagons in den Black Tot gekippt hat (wo sie offenbar untergegangen sind), sorgt bei mir für Entsetzen. Flagon siegt über Flasche!
Falls Ihnen diese Beschreibung gefallen hat und Sie die Anschaffung eines solchen Flagons planen, noch ein paar Hinweise: Die Flagons sind/waren paarig in Holzkisten gepackt - sog. Crates - die mit Holzwolle ausgepolstert sind/waren. Auf dem jeweiligen Crate finden sich Aufschriften der Lagerhaltung - z.B. auch "BIELEFELD" oder "ANTWERP.". Gröber umflochtene Flagons stammen wohl aus der Zeit vor/um den 2. Weltkrieg, während enger und dichter, mit dünnerem Material umflochtene Flagons aus den Jahren nach dem 2. Weltkrieg stammen. Achten Sie natürlich auch auf den versiegelten Korkstopfen, der gerne durchweicht und brüchig ist.


Montag, 6. Juli 2015

Heaven Hill - First Strike by the Germans (doing crazy things with american whiskey)

Während die schottischen Whiskymacher offenbar nicht wissen, ob ihre wirtschaftliche Entwicklung nun nach unten geht, weil sie in der letzten Zeit insgesamt gesehen weniger Flaschen verkauft haben, oder ob es dann doch nach oben geht, wenn man das gestiegene Interesse an hochwertigen Abfüllungen (Preis und/oder Qualität) und die Entwicklung zahlreicher Destillerie-Neugründungen betrachtet, bleibt eines unbestritten: In den letzten paar Jahren hat sich der Markt für amerikanische Whiskies stets positiv entwickelt - ganz egal ob es um geflavourte Grusel-Anti-Whiskies oder um langzeitgelagerte Edelabfüllungen geht (vor allem, wenn auf denen die Worte Pappy oder zumindest Stitzel-Weller stehen). Dazu gibt es immer wieder neue Experimente in Sachen Getreidemischungen (Reis!) und Fasslagerung zu bestaunen und der Sammlermarkt ging geht auch völlig durch die Decke.


Das wissen wir doch alles schon, werden Sie (nicht nur als Leser dieses kleinen unsäglichen Machwerks) sagen. Stimmt. Aber haben Sie auch gesehen, dass der renommierte deutsche Whisky & Rum-Abfüller Thomas Ewers (Malts Of Scotland!) jetzt eine neue Serie gestartet hat? Unter dem Label "Whiskey Of America" hat er letzte Woche zwei Single Barrel-Abfüllungen aus der gigantischen Heaven Hill-Destillerie in Kentucky (bekannt durch z.B. Elijah Craig und Evan Williams) auf den Markt gebracht. Einer der beiden ist 13 oder 14 Jahre alt und wurde in einem Sherryfass gelagert. Wie bitte? Und das gerade jetzt, wo doch die U.S.-Größen, aufgrund der erhöhten Nachfrage, ihren Whiskey nicht mehr im Bulk verkaufen? Ich nahm das natürlich zum Anlass, um bei Herrn Ewers nachzufragen.
whatadrink!: Herr Ewers, mit "Malts Of Scotland" und "Isla Del Ron" sind Sie seit einigen Jahren der vielleicht am meisten geschätzte Scotch- und Rum-Abfüller aus Deutschland, wenn man sich bei den Kennern und Connaisseuren umhört und auf internationale Auszeichnungen z.B. der Malt Maniacs oder des Whisky Magazines schielt. Nun haben Sie mit zwei Abfüllungen aus dem Haus Heaven Hill erstmals einen Kentucky Straight Bourbon Whiskey im Programm. Das ist jetzt nicht total überraschend für mich, da in letzter Zeit nicht nur der Markt für amerikanischen Whiskey in Bewegung geraten ist, sondern auch weil zuvor schon ein paar interessante Heaven Hill-Bottlings das Tageslicht erblickt haben. Wie aber kam es zu Ihren Abfüllungen? Wurden Ihnen die Fässer durch Broker angeboten oder haben Sie die direkt aus Kentucky?


Herr Ewers: Ja das stimmt mit dem Erfolg. Ich selber hätte es nie für möglich gehalten. Bezüglich der Heaven Hill-Whiskies verhält es sich so, dass ich diese bereits vor drei bis sechs Jahren erworben habe - alle über Broker. Die amerikanischen Brennereien verkaufen nicht direkt an Abfüller - zumindest nicht an kleinere Firmen. Die ersten Fässer wurden mir im Jahr 2009 angeboten. Die habe ich eigentlich mehr so aus Interesse erworben. Einfach um zu sehen, was der amerikanische Whisky so kann, wenn man ihn länger liegen lässt. Da ich schnell gemerkt habe, dass dies durchaus interessant für die Zukunft sein kann, habe ich versucht, weitere Fässer zu bekommen und über die letzten Jahre immer mal wieder welche dazu erworben.


whatadrink!: Ein Streitpunkt unter Bourbonfans ist schon länger die Frage, ob man zur Reifung eines "echten" Straight Bourbon auch andere Fasstypen als nagelneue, ausgekohlte, amerikanische Weißeichenfässer nutzen darf/sollte. Dabei geht es den Puristen nicht nur um die gesetzlichen Bestimmungen. Nach einem (wenig gelungenen) Experiment von Wild Turkey mit Olorososherryfässern vor einigen Jahren sind in letzter Zeit insbesondere Fassfinishes in allerlei Ex-(Süß)Wein- und sogar Ex-Rumfässern auf den Markt gekommen und parallel dazu regte sich die Debatte um die Wiederverwendung von gebrauchten Bourbonfässern in den USA aus Kostengründen bzw. aufgrund der hohen Nachfrage in den Cooperages. Sie bieten jetzt einen in 2001 destillierten Bourbon aus einem Sherryhogshead an. Von einem Finish steht nichts auf dem Etikett und Hogshead klingt nach Schottland/Europa und nicht nach USA. Wie und wann kam der Whiskey ins Sherryfass und wo wurde er gelagert?



Herr Ewers: Alle unsere Bourbonfässer haben wir in einem Alter von über 3 Jahren erworben und alle Fässer waren zu Beginn klassische Barrels. Der 2001er z.B. wurde von mir vor drei Jahren in ein frisches Sherryfass gelegt, da die Holznote für mich zu dominant war. Ich besitze auch noch weitere Fässer, die in Schottland liegen, und nach drei Jahren in Sherry Butts umgefüllt worden. Das Ergebnis ist hervorragend!


Bezüglich der Lagerung und der Bezeichnung ist es so, dass laut amerikanischer Gesetzgebung die (erste) Lagerung mindestens zwei Jahre in einem frischen Fass ablaufen muss. Ein Finishing danach sollte aber kein Problem sein. Selbst Jim Beam hat ja mittlerweile in Sherryfässern nachgelagert. Bis jetzt spricht also nichts dagegen, dass es sich bei unseren Bourbons auch um Kentucky Straight Bourbon handelt. Es gibt auch keine andere offizielle Richtlinie. Sollte sich irgendwann etwas ändern, ist es vielleicht nicht mehr möglich diese Fässer als (Straight) Bourbon zu bezeichnen. Ich hoffe, dass ich dann meine Sherrybourbons abgefüllt habe.


whatadrink!: Neben Bourbons erfreuen sich Ryewhiskeys wieder großer Beliebtheit. Haben Sie da schon etwas in Vorbereitung oder gar schon in Ihrem Warehouse in Paderborn liegen? 


Herr Ewers: Oh ja. Wir haben ja "The Westfalian", unseren deutschen Whisky, der im Lager reift. Seit 2012 aus Grain & Malt, seit 2013 aus Mais und ab 2014 aus Roggen. Die beiden letzteren wie bei traditionellem Bourbon in extra aus Amerika importierten frischen Fässern die genauso sonst von den dortigen Brennereien genutzt werden. Diese beiden Sorten entwickeln sich ganz prächtig und stehen dem Stoff aus Amerika in nichts nach. Auch unser Malt & Grain ist im übrigen außergewöhnlich gut für einen deutschen Whisky. Wir haben das Glück einen Destillateur hier vor Ort zu haben, der das Whiskybrennen in Schottland gelernt hat und einige Dinge eben anders macht wie andere deutsche Brenner. Das Ergebnis jetzt ist schon erstaunlich.
Ja, erstaunlich was uns Herr Ewers da so mitzuteilen hatte. Ein zum Teil in Europa gereifter Bourbon aus 1st-Fill-Sherry-Fässern also. Aha. Auch die relativ geringe Alkoholstärke von 48,1 bzw. 52,1 % Vol. (bei den amerikanischen Single-Barrel-Abfüllungen ist man an Werte von über 60% gewöhnt) lässt sich (vielleicht) so erklären: Das Feuerwasser wurde vor dem Umfüllen auf europäische Dimensionen reduziert, um die Prägung durch das Fass besser in den Griff zu bekommen und sich auch einer machbaren Trinkstärke anzunähern. Egal, nun endlich zum Whiskey selbst.

Alle Heaven Hill Bourbons werden nach einer Mashbill produziert. Ob die nun 78% Mais, 12% Gerstenmalz und 10% Roggen oder vielleicht doch 75-12-13 beträgt, ist nicht zu klären. Die Shapiras (HH ist ein Familienunternehmen) lassen das offiziell nicht so richtig raus. Es handelt sich aber definitiv um eine Low-Rye-Mashbill. Der jüngere der beiden (Cask MoS 15042) wurde also 2005 gebrannt und nun in 2015 mit 52,1 % Vol. abgefüllt - ist also neun oder zehn Jahre alt. Nach Herrn Ewers Ausführungen ist anzunehmen, dass der Knabe mindestens drei Jahre in den USA gelagert wurde und sich anschließend in Europa herumgetrieben hat. Das Resultat: Es ist ein Bourbon! Und zwar ein sehr guter. Klassische Bourbonnase, gut eingebundener Alkohol, milder Antritt und - vielleicht durch die europäische Reifung - eine nicht hervorstechende Vanille-Eiche. Ich dachte zuerst an einen Rockhill Farms, was aber völliger Blödsinn war. Das Bourbonprofil erinnerte mich mit der Zeit dann an einen E.H. Taylor Single Barrel, was auch in Sachen Mashbill passen könnte. Aber lassen wir das Generde sein. 

Zum Bourbon aus dem Sherryhogshead (2001/2015, 48,9% Vol., Cask MoS 15041) möchte ich folgendes anbringen: O La La! Großartiger Beginn, voll und rund, Harmonie und Balance (was dem WT Sherry Signature völlig fehlte), Sherrysüße und Gewürze, Bourboneiche und ein Tick Säure. Best of both worlds! Geht definitiv ohne Wasser. Sollte man unbedingt probieren. The (one and only) Kentuckian Sherry Bomb - Whatadrink!

Und hier noch ein kleines Sommerschmankerl...

Samstag, 27. Juni 2015

Deutscher Wermut - heute: Der Merwut von Stefan Dorst

"Die Feier war sehr schön. Viele nette Leute waren dort und auch das Essen war hervorragend. Einziger Wermutstropfen: Es waren nicht hinreichend viele Getränke vorhanden." (wiktionary 2015)

Neue Wermutmarken gibt es dieser Tage fast wöchentlich. Aus Italien, Frankreich, Spanien undundund kommen traditionelle und ganz neu entwickelte, nachahmende und eigenständige Kreationen ins Regal der Spirituosen- und Weinhändler. Und hoffentlich nicht nur dort hin. Wenn Gin Bartender's Liebling der letzten Jahre gewesen ist, dann ist Wermut seine New Love.

Vor ein paar Wochen bin ich über Merwut, einen neuen, deutschen Wermut mit 18% Vol. aus dem Hause Dorst & Consorten gestolpert. Gelesen hatte schon vorher davon (auch auf Herrn Wulfs *nomyblog), aber das Ding als "einen dieser neuen Unnötigen" abgetan. Ich lag falsch. Bevor uns der Wein/Wermutmacher Stefan Dorst erklärt, was er eigentlich so macht, und ein paar meiner Fragen beantwortet, möchte ich den Merwut kurz beschreiben.

In der Nase steckt schon ein wenig Kirsche. Am Gaumen wirds dann vielschichtig. Der erahnte Sauerkirschbrand natürlich, dazu etwas süße Birne, Erinnerungen an Weihnachten und Lebkuchen, aber nur eine Spur davon. Gekühlt freilich etwas zurückhaltender. Und Wermut. Aber nicht brachial wie zuletzt beim Pontica Red Vermouth von Reini Pohorec, der mit Tür und Türstock ins Haus fällt (und dann nicht mehr gehen mag), sondern rund und würzig und angenehm weinig-aromatisch. Ein Aperitiv für sich - mit ein bisschen Eis. Etwas Zitronenschale vielleicht. Klassische Wermutdrinks gelingen, sind aber logischerweise von leichterer Aromatik. Campari als Gegenspieler sollte man mit Gefühl bemessen.

Herr Petri im Les Fleurs Du Mal bastelte schnell einen Wermutcocktail damit. Etwas Maraschino, Orangebitters (oder auch ein Tick Lemonbitters für mich), ein Barlöffel Orange Curacao (oder auch Herrn Kellers Triple Sec aus der Stählemühle) gequirlt auf Eis und schon hat man mit einem Stückerl Zeste eine weitere Dimension geschaffen. Ja, das geht.

whatadrink!: Stefan Dorst, Sie werden in der Fachpresse offenbar gerne als Négociant bezeichnet. Wie würden Sie Ihr heutiges Berufsbild beschreiben und was sind die Ziele von "Dorst & Consorten"?

Stefan Dorst: Das mit der Fachpresse ist so einen Sache. Es hat mal einer diesen Ausdruck benutzt, weil ich meine Weine nicht klassisch im nicht existenten Weingut herstelle, was einfacher zu beschreiben wäre, sondern eigentlich in mehreren Kellern in Kooperation mit befreundeten Winzern. Ich bin jedoch kein Négociant, weil ich nicht nur irgendwelche Weine zukaufe und mein Etikett draufklebe, ganz und gar nicht, sondern die Weine entstehen aus der Kooperation mit Winzerkollegen und mir, unter meiner Ägide und mit meiner aktiven Mitarbeit. Dass dann der eine vom anderen „abschreibt“ und sich der falsche Begriff Négociant vervielfacht, ist ein Beispiel von teils oberflächlicher Medienlandschaft. 


Mein heutiges Berufsbild, das ich die letzten 20 Jahre praktizierte und immer weiter verfolge ist in der Tat sehr vielfältig. Was ich eigentlich am besten kann, ist Weine herstellen, eigentlich banal. Jedoch vergleiche ich meine Vorgehensweise mit der eines Komponisten oder Dirigenten. Je mehr Instrumente einem zur Verfügung stehen, desto variantenreicher kann ein Musikstück werden. Ist man dann noch in der Lage aus dem Stehgreif verschiedenste Stilrichtungen zu spielen, wird das Ganze umso komplexer, variationsreicher, vielschichtiger und - um letztendlich wieder zu den Weinen zurück zukommen - schmeckt es besser.


Zu meinem Berufsbild: 


 - Einerseits betreue ich Weingüter in verschiedenen Länder als beratender Oenologe/Kellermeister/Weinmacher. Bei meinen Hauptjobs bin ich verantwortlich für die Qualität der Weine, bei anderen bin ich beratend tätig.


- Zum anderen betätige ich mich als „Personaltrainer“ für junge Kellermeister, denen ich mit Rat und Tat im Hintergrund zur Seite stehe und Tips, Anregungen und Hilfestellungen gebe, da ich auf ein Erfahrungsreservat von vielleicht über 80 betreuten Weinernten in den vergangenen 25 Jahren zurückgreifen kann. Diese Anzahl summiert sich aus teils 3-5 Ernten innerhalb eines Jahres hintereinander, teils auch in der nördlichen und südlichen Hemisphäre. Nicht dass das Weinmachen sich nur auf die Erntezeit beschränkt, ein guter Wein ist die Aneinanderreihung vieler Schritte von der Pflanzung eines Weinbergs bis zur Flaschenabfüllung, die zum richtigen Zeitpunkt  durchzuführen oder auch zu unterlassen sind. Das wird nicht gleich jeder verstehen, in der heutigen modernen Weinwelt wird häufig immer noch zu oft und zu weit, sei es mit angeblich moderner Technologie oder mit feinsten Zusätzen  in die natürliche Weinbereitungsform eingegriffen, dass es oft zu empfehlen gilt, dass weniger mehr ist. 


- Weiterhin bin ich auch Auftrags-Winemaker, dass heißt ein Weingut kommt auf mich zu und möchte zum Beispiel eine Premiumlinie neben ihren Standardweinen im Sortiment haben. Das sind Herausforderungen, die ich sehr gerne annehme, sozusagen High-End- Vinifizierungen.   


- Auch führe ich qualitative Bewertungen von Weinerzeugern durch, also ein Weingut auf „Herz und Lunge“ zu prüfen und Ansätze gegeben, was man zukünftig im Betriebsablauf verbessern kann, um bessere Weine und vielleicht daraus resultieren ein besseres Betriebsergebnis zu erzielen. 


- Aber kommen wir zu einem meiner Lieblingsbetätigungsfeldern: Dorst & Consorten ist ein „oenologischer Playground“, wo Weine und Produkte in konstruktiver Zusammenarbeit erzeugt werden, die normalerweise nicht oder kaum in dieser Art existierten. Ein Konsortium beschreibt auch unsere Art der Kooperation sehr treffend. Ein Konsortium ist eine themenbezogene Zusammenarbeit zweier Partner, die für diese spezielle Aufgabenstellung ihr Bestes einbringen, jedoch jeder selbstständig bleibt. Dorst & Consorten will auch eine Plattform für junge Weinerzeuger sein, die hochmotiviert sind, doch mit einem gemeinsamen Auftritt leichter nach oben finden.


- Ebenso möchte ich mit dieser modernen Kooperationsform mit meinen befreundeten Konsorten, die auf Offenheit und loyaler Zusammenarbeit basiert, den verkrusteten alten Hierarchiestrukturen in der Wein- und Geschäftswelt entgegentreten. Also weg vom verborten Einzelkämpfer, hin zu konstruktiver Teamwork.


- Sicherlich ist MERWUT ein perfektes Beispiel der Innovationswilligkeit unseres Konzepts. Obwohl Wermut ja eher bei den „aussterbenden Getränken“ auf der Roten Liste stand, erfreut es sich nicht zuletzt durch unseren MERWUT einer Renaissance. 


- „Korrekte Drinks“, sprich ausgezeichnete Weine und Getränke sind selbstredend eines der Ziele und Anforderungen, die wir uns setzen.

wad!: Ihrer Vita entnehme ich, dass Sie in Sachen Wein ganz schön rumgekommen sind. Die Inspiration zum Merwut, Ihrem Wermutwein, haben Sie sich in Spanien geholt. Mit den spanischen Wermuts, die ich kenne, hat Ihr Merwut aber nicht viel gemein und er ist - bitte entschuldigen Sie - weder ein richtiger süßer roter noch ein trockener weißer Wermut. Wo sehen Sie Merwut angesiedelt und welche Weine stecken eigentlich in der Flasche?

SD: Richtig ist, dass mir auf meinen Spanienexkursionen - ich betreue seit 1998 eine Bodega in Spanien, genauer gesagt Venta d´Aubert in Aragon (www.ventadaubert.com), und baue seitdem dort verantwortlich die Weine aus. Somit bin ich seitdem ca. 8 x im Jahr in Spanien vor Ort. Man kommt dort nicht umhin, auch mal ab und an in eine der vielen Dorfbars zu gehen, was zu den sozialen und kulturellen Einrichtungen dort auf dem Land zählt, wo man in den Dörfern noch viele noch häufig mittelalterliche Strukturen und Bauten erkennt. Allmorgendlich findet man dort die Rentner bei ihrem Café und ihrer Zeitung, meist auch ein Carajillo. Häufig wunderte ich mich über ein weiteres Getränk, was diese alten Männer zu sich nahmen, traute mich jedoch jahrelang nicht dran, von diesem ominösen braunen Getränk, meist aus Plastikkanistern serviert, zu kosten. 


Bis ich eines Tages doch dieses Getränk als Wermut empfohlen bekam und ich von der Qualität und dem Geschmacksbild begeistert war. Jedoch sind diese, wie sie richtig feststellen, meist dunkler und teils auch süßer. Weil sie meist mit Sprudelwasser verdünnt werden, passt dies jedoch. In Anlehnung an diese Wermut forschte ich nach alten Rezepten und wollte meinen Wermut machen, der eleganter erscheinen soll und auch noch die Qualität des Grundwein erahnt werden kann und nicht zuplakatiert wird. So ist nach zweijähriger Versuchszeit der erste MERWUT erschienen. Die ersten Versuche führte ich in Spanien aus, da ich jedoch auch in der Pfalz auf passende Grundweine der Konsorten, aber auch aus eigenen Versuchsweinbergen zurückgreifen kann, stelle ich ihn in Deutschland her.       

wad!: Kommen wir zur Herstellung. Das Wermutkraut wird im Wein eingelegt. Parallel dazu wird ein Kräuterauszug (oder mehrere?) hergestellt und am Ende das Ganze vermischt und mit Zucker abgerundet. Ist das grundsätzlich richtig oder vereinfache ich zu sehr? Oder ich frage so: Was können Sie uns über Ihr Rezept und das Prozedere verraten ohne möglichen Konkurrenten allzu viel preiszugeben?


SD: All zuviel will und darf ich nicht verraten, nicht weil ich mich als Eigenbrödler dastellen will, sondern vielmehr weil ich selbst noch im Anfangsstadium meiner Wermutproduktion bin und etliche Versuche noch laufen habe. Richtig ist, dass Kräuteraromen, ähnlich der Teebereitung - jedoch kalt - im mit Alkohol versetzten Grundwein extrahiert werden. Die Zusammensetzung dieser Komponenten prägt letztendlich maßgeblich dieses Getränk. Aber wie gesagt, da die derzeitige Komposition schon sehr gelungen ist, geht es mehr um Finetuning, wozu ich parallel etliche verschiedene Ansätze mache.

wad!: Mal angenommen ich hätte eine Bar und würde mir einen Wermut mit einem besonderen Geschmacksprofil wünschen, den es so bisher nicht zu kaufen gibt. Könnte ich den zusammen mit Dir (bezahlbar) entwickeln oder ist das eine absurde Idee?


SD: Grundsätzlich bin ich, soweit es meine Zeit zulässt, zu allen Schandtaten bereit. Zumal dieses ja auch eines der Ziele des Dorst & Consorten Konzepts ist, immer auf der Suche nach neuem Innovativen doch auch zurück zu dem Traditionellen und Vergessenen.


Zu beziehen gibts Merwut für 25 EUR / 0,75l direkt bei Herrn Dorst (Wenn Sie Gastronom sind, sollten Sie nach der Gastropreisliste fragen) und ausgewählten Fachhändlern. Auch die Firma Barfish sollte Merwut demnächst listen.

Freitag, 26. Juni 2015

Yuzu- und Mora-Superfruchtlimonade (aus Nördlingen)

Sommerpause bei whatadrink! - Nein, doch nicht. Hier ein Tip in Sachen Sommerlimonade. Kann man selber machen - muss man aber nicht, wenn das käuflich erworbene Gesöff was taugt.

Die Firma Mölle aus Nördlingen ist seit Jahrzehnten für ihre alkofreien Produkte bekannt. Waren es in den 60ern eine Limonade, die im Volksmund "Gschbusi" genannt wurde, waren es später Lizenzprodukte von Afri-Cola/Bluna, VC etc. Seit einigen Jahren gibt es allerlei Neues, wie z.B. selbstkreierte Biolimonaden. Neben einer Guanabana-Limo (siehe Galileo-Beitrag) gibt es jetzt noch etwas Einzigartiges: Eine Yuzu- und eine Mora-Limo. 

Kennen Sie Yuzu? Das ist eine asiatische Supercitrusfrucht. 100%iger Yuzusaft wird in unseren Breiten für 50-60 Eur die Flasche gehandelt. Und wir reden von 500ml-Flaschen! Aufmerksame Leser dieser Publikation haben schon vor Jahren von einem Yuzu-Sake-Likör gelesen (und sich hoffentlich ein Flascherl gekauft). Aber zurück zur Limo. Die kommt mit satten 12% Yuzusaft und ist eine nunmal wirklich trübe Sache, aber dafür auch "energetisiert mit Quanten-Energie-Resonanz-Kristallen Q-ERK®". Alles klar? - Äh ja. Klar ist auch das Aromenbild in der Nase: Yuzu! Und am Gaumen: Yuzu! Sauer, zestig, perfekt! Das alles mit ganz wenig Kohlensäure und zu einem fairen Preis.

Die nächste Superfruchtlimonade beinhaltet 20% Morapüree. Mora De Castillo um genau zu sein. Dahinter versteckt sich die Andenbrombeere (nicht: Andenbeere / Physalis). "Achja", werden Sie vielleicht sagen, da Sie gerade aus Südamerika zurück gekommen sind. Für alle anderen: Auch diese Limo ist eben gerade nicht superblubberig, sondern angenehm still und wirkt durch den dezenten Brombeerengeschmack äußerst natürlich. Bei der Kohlensäurezugabe hat man sich wirklich zurückgehalten. Sehr löblich. Wie auch der Yuzustoff braucht die Moralimo neben der Zugabe von Wasser und Kohlensäure lediglich ein abrundendes Süßungsmittel. Hier ist es Invertzucker, bei Yuzu ist es Agavendicksaft. Kein Apfel- oder Traubensaft als "Füller".

Mein Fazit: Das sind beides ausgezeichnete Getränke, wie sie der Großstädter in diesen Tag konsumieren sollte. Auch der Look der unschuldigen 0,33l-Mehrwegflasche und die klarformulierten Etiketten bitten förmlich um eine Berücksichtigung im Späti an der Ecke oder zumindest einem isarnahen Kiosk. Whatadrink!

Freitag, 24. April 2015

Single Malt Scotch Whisky - Wer bist Du? Wohin gehst Du?

"I fang nomoi vo vorn o
wei an gestern i mi scho gonima erinnan ko" 
(Django 3000, "Nomoi von vorn", 2015)

(Übersetzung ins Unbayerische: Ich beginne noch einmal von vorne, weil ich mich an gestern nicht mehr erinnern kann.)

"Nur 4 Jahre alt und schon grandios" (Artikelbeschreibung eines Single Malts auf einer Shopseite, 2015)

"Der Steam dieser Distillery macht mich an." (Ein Whiskyfreund in 2015)

"Der Netto-Einkaufspreis für "Odin" liegt bei 165 EUR." (anonymer Shopbetreiber, 2015)

"Highland Park Odin 16 Jahre ... 598,00 EUR" (bekannter Shopbetreiber, 2015)

"Olle drahn am Radl" (Django 3000, "Bonaparty", 2015)

(Übersetzung ins Unbayerische: Alle drehen am Rad.)


In obigem Sinne oute ich mich heute als Whiskyfreund - nicht Freak - nicht Fan - einfach nur Freund. Und meine abgefüllten Freunde machen mir hier und da Sorgen.

Whisky wird immer teurer.

Naja, möchte man entgegnen, was wird denn schon immer billiger? Dabei muss man - mit Blick nach Schottland - zunächst zwischen Blends und Single Malts unterscheiden. Der Anteil der Blends soll weiterhin mindestens 90% der jährlichen Abfüllmenge betragen. Und der Großteil davon fällt wiederum unter Alltagswhiskies im Preissegment deutlich unter 30 EUR. Die kommen zumindest mir ziemlich preisstabil vor und auch bei den Single Malts haben die sogenannten Standardabfüllungen - wie z.B. Glenmorangie Original, Ardbeg 10y, Glenlivet 12y (jetzt Founder's Reserve), Laphroaig 10y usw., allesamt seit Jahren ein ziemlich solides Preisniveau im Vergleich zu den mehr oder weniger limitierten Abfüllungen.
(früher)
Sehr schön sieht man den kleinen Unterschied z.B. bei den jährlichen Releases aus dem Hause Diageo, unter denen für den (verdammt guten) Lagavulin 12y Cask Strength (bottled 2014) mittlerweile rund 100 EUR aufgerufen werden. Das ist noch relativ milde, denn zu den 90 EUR für den 2013er muss man nur eine Preissteigerung von ca. 10% verbuchen - in den drei Jahren davor waren es jeweils fast 20%. Seinen Inselbruder von Port Ellen hingegen kann man sich fast nur noch in Tropfmengen leisten.
Gut. Es gibt auch noch preiswertere Serien. Einige sog. unabhängige Abfüller, die letztlich auch nur ein Teil der Whiskyindustrie sind, stellen uns noch recht interessante Flaschen für unter 50 EUR ins Regal. Darunter namhafte Destillerien, meist mit mindestens 46% Alkoholgehalt, unchillfiltered und nicht gefärbt, aber auch immer öfter - nunja - jüngerer Stoff. Positiv aufgefallen ist mir z.B. Signatory mit seiner The Un-Chillfiltered Collection, die mit brauchbaren Single Malts unter 40 EUR startet, die sogar länger als 10 Jahre (!) im Fass reifen durften. Dieser Tage wird - von einem anderen Abfüller - aber auch ein 6-jähriger Talisker, Single Cask, Refill Hogshead, für rund 66 EUR angeboten. Very young...

Es gibt keinen alten Whisky mehr.

Stimmt das? Der Anteil an Whisky in den Warehouses mit einer Lagerdauer von über 20 Jahren soll in den letzten 10 Jahren deutlich geschrumpft sein. Zum Ausgleich wurden die Ausgabepreise für die Restbestände deutlich erhöht. Der alte Grundsatz "Age matters" rechtfertigt offenbar die Premiumisierung und Super-Premiumisierung (Dalmorization) von länger gelagerten Bränden. Aber es gibt noch ältere Fässer. Die Firma Wm. Cadenhead hat 2013 ihr aus mehreren Serien bestehendes Portfolio ein wenig geordnet und offeriert in der Authentic Collection und unter dem Label Small Batch regelmäßig feine Sachen wie z.B. einen Dalmore 37y, einen Glenfarclas 41y oder einen Imperial 37y. Alles keine 50-EUR-Schnäppchen, aber es geht ja darum, ob sie überhaupt noch (unter 500 EUR pro Flasche) verkauft werden und nicht, ob man eine Hypothek aufs Eigenheim aufnehmen muss. Fazit: Irgendwie geht noch was, aber man muss dafür schon in harten Euros bezahlen.
No Age Statement.

Ein Bekannter hat kürzlich in einer schriftlichen Auslassung das Wörtchen Statement vergessen und immer feste vom No-Age-Whisky geschrieben. Das gefällt mir. Aber ganz so schlimm, dass nur noch ungelagerter Whisky in die Flasche kommt, ist es auch noch nicht. Die fehlende Altersangabe ist letztlich ein alter Hut und war schon immer da seit Whisky in Flaschen abgefüllt wird. So betrachtet ist die Altersangabe eigentlich die Ausnahme - nur hatten wir uns in den 90ern und 2000ern eben so schön dran gewöhnt. Jetzt ist NAS also (wieder) ein Trend. Warum also nicht? 

Unschönerweise verbirgt sich hinter den schönen, nichtssagenden Namen oft eine Mischung von relativ jungem (U10) mit einer kleineren Menge von älterem Destillat (wenn überhaupt), was unter Verwendung passender Fasstypen - z.B. frischen Ex-Bourbon-Fässern, Virgin Oak oder hyperaktiven Sherryfässern - trinkbaren (Designer)Whisky ergibt, der aber hie und da Reife, Komplexität und erst Recht Tiefe vermissen lässt. Bei "Saufwhisky" braucht man das Ganze nicht unbedingt - bei den aufgerufenen Preisen wärs hin und wieder aber irgendwie schon ganz nett. Trotz aller Kritik, finde ich, sind manche NAS-Tröpfchen gut gelungen und bereichern die Szene. Mein Liebling in dieser Gattung ist die NAS-Version von Bowmore's Bicentenary (abgefüllt 1979).

Hype, Boom oder Blase - Hauptsache es platzt.

Gibt es das alles überhaupt oder verhält sich der Whiskymarkt ganz natürlich und normal, so wie das bei stark nachgefragten Gütern in einer freien Marktwirtschaft üblich ist? Dass die eine oder andere Marketingabteilung in den letzten Jahren etwas über die Strenge geschlagen hat - sehen wir es den Leuten nach. Sie sollen ja verkaufen und irgendwann werden ihnen die südgälischen Zungenbrecher und nordischen Götternamen hoffentlich ausgehen. Expertenaufgabe: Sagen Sie ohne zu zögern die Namen der letzten drei Travel-Retail-Veröffentlichungen von Bunnahabhain auf! Gratuliere.
(Internetshop 2015)

Schielt man in der Whiskybase aber in die Bestandslisten der anderen Maltmen, so muss einem Angst und Bange werden: Die haben ja alle den gleichen Mist wie ich im Keller! Verdammt, wenn das alles auf den Markt geschmissen wird, kann ich meine teuren Spekulationswhiskies selber saufen (was aber auch nicht so schlimm wäre). Aber vielleicht sollte man sein Eichhörnchenverhalten mal überprüfen und nicht jeder limitierten Buddel hinterher hecheln. Whiskyinvestment ist zulässig aber irgendwie auch ein ziemlich grässliches Wort.
(Internetverkauf 2015)

Whisky-Päpste und Rankings

Gerne folgt der Laie dem Rat des Fachmanns. Doch selbiger plaudert von Zeit zu Zeit auch nur nach, was er irgendwo gelesen oder gehört hat (etwa in PR-Mitteilungen? Pfui!). Tip: Traue niemals Händlern und Industrievertretern (wie z.B. Brand Ambassadoren), sondern suche den Rat von unabhängigen Weisen! Konkret? - Nunja, man schaue mal ein bisschen in den Veröffentlichungen von Herrn Valentin und anderen Malt Maniacs rein. Zudem soll es über 500 Whiskyblogs geben. Oder doch mal ein Buch? Viel Spaß beim Lesen...
(amazon)

Auch das Studium von Herrn Murrays jährlicher Whisky Bible möchte ich ausdrücklich nicht untersagen. Warum dies, wo der zottlige Kerl doch alljährlich ausgiebigst gebasht wird (Tenor: Only one man - only one opinion)? Zum einen habe ich von dessen Auslassungen - z.B. zu amerikanischem, irischem und exotischem Whisky - schon vor Jahren profitiert. Zum anderen darf man es sich nicht allzu leicht machen und nur auf Bestenlisten, Rankings oder Punktelisten starren. Wir sind doch nicht beim 100-Meterlauf. Studieren Sie Tastingnotes, vergleichen Sie die mit Ihren Eindrücken und Sie werden bald merken, welcher Papst mit seinen Beobachtungen einigermaßen auf Ihrer Wellenlänge liegt. Ihr Favorit muss dann nicht unbedingt ein 90- oder 95-Punkte-Whisky sein und schon gar nicht der Whisky Of The Year - egal wer diesen Titel in diesem Monat grade mal wieder vergeben hat. Oder kaufen Sie Ihr neues Auto stur nach einem Verbrauchervorschlag im Playboy? Eben.
Cask Strength, Barrel Proof, Small Batch, Old Bottle Effect

Fachbegriffe gehören zur Fachsprache und wenn Sie kein Whiskygreenhorn bleiben wollen, sollten Sie sich die Bedeutung einiger Begriffe aneignen. Vor ein paar Jahren war (bis auf wenige Ausnahmen) irgendwie klar, dass alles was mit Alkoholstärken über 46% und erst recht mit Stellen hinter dem Komma abgefüllt wurde, aus einem Einzelfass stammt. Fassstärke - Cask Strength - war das Zauberwort. Vergessen wir das. Heute wird mit allerlei Alkoholgraden gebottled. Die Frage ist eigentlich mehr, wieviele Fässer gemischt wurden oder ob es ein Einzelfass war und wieviele Flaschen der Release umfasst. Wer dazu Angaben zu Fasstyp/größe/vorbelegung, Lagerhaus, Destillationstag und Abfüllzeitpunkt, Fassfinish etc. in allen Einzelheiten auf Flasche, Verpackung oder im www auflistet, ist mein Freund. Wer diese Informationen nicht präsentiert und sie sich auch auf persönliche Nachfrage nicht aus der Nase ziehen lässt, wird - ich bitte um Entschuldigung - mit Argwohn beäugt. Hallo - wir trinken in 2015! Schon mitgekriegt? Bitte keine nichtssagenden Bezeichnungen mehr à la Small Reserve Cask Batch Release Limited mehr erfinden. Die gibt es doch alle schon.
(offizielle Tastingnotes?)
Wesentlich interessanter ist ein Terminus, der sich hinter dem Kürzel OBE verbirgt: Old Bottle Effect. Hä? Da wären wir zum Abschluss dann doch noch bei einer interessanten Frage in diesem nichtssagenden Blogartikel. Ich weiß nicht, wie oft ich in Whiskygeschäften oder bei Tastings Dozenten gehört habe, die allen Ernstes erzählten, dass Whisky, wenn er erstmal in seiner Flasche gefangen ist, nicht mehr altert. Beispiel: "Der Whisky wurde als 15jähriger in 1990 abgefüllt. Er ist also 15 Jahre alt.". Stimmt das? 
(bottled late 1950s)

Nein. Natürlich nicht. Richtig ist, dass in unserem Beispiel der Whisky eine (mindestens) 15jährige Reifezeit in einem Eichenfass erfahren hat und dann vor 25 Jahren abgefüllt wurde. Der Whisky in der Flasche ist demnach 40 Jahre alt. Flasche und Flaschenverschluss sind vermutlich 25 Jahre alt. Dass der Whisky nach der Zeit der mehr oder weniger intensiv geprägten Fassreifung (abhängig von Fasstyp und Lagerort) in seiner Glasflasche mit (hoffentlich) dichtem Verschluss nur noch einer sehr langsamen Veränderung unterworfen ist, ist klar. Er steckte aber nicht in einer Zeitkapsel im luftleeren Raum, sondern war weiterhin profanen Dingen wie Schwerkraft, Sauerstoffaustausch, Temperaturschwankungen, Lichteinflüssen undundund ausgesetzt. Das hat ihn nicht verändert? Kein bisschen? Auch nach 30, 40 oder 50 Jahren nicht? Experten sind da anderer Meinung. Der Witz ist eben, dass diese (nennen wir sie provokant) Nachreifung vermeintlich positiv oder negativ oder eben auch kaum merkbar ausfallen kann.

Aber das ist auch das Schöne. Alle reden drüber. Alle haben eine Meinung und über die lässt sich prima streiten, diskutieren und fachsimpeln. Wie dieser Tage bei Deutschlands wichtigster Whiskymesse in Limburg. Oder wie demnächst wieder hier zu den Stichworten Sherryfass, Turboreifung usw.

Sonntag, 1. März 2015

Finest Spirits 2015 - Ardbeg-Ceò-Schmarrn und Whiskyweißwurst

Messebesucher 1: "Ich bin bei Ardbeg und Glenmorangie auf der Blacklist und bekomme nicht mal mehr Infomails."

Messebesucher 2: "Sei doch froh!"

(unbemerkt belauschte Unterhaltung auf dem Spirituosenevent Finest Spirits)

Kehraus in München. Wie dem Leser hier vollmundig versprochen wurde, darf ich einen kurzen Messebericht von der Finest Spirits 2015 vorlegen.

Beginnen wir mit dem Thema Rum, welches dieses Jahr besonders forciert werden sollte. Dazu hatte der Veranstalter einen eigenen Barstand aufgebaut. Da gleich daneben die Münchner Barschule und der Spirituosenhändler Barfish ebenfalls gemixte Drinks anboten, verlor sich manche Besucherin / mancher Besucher in einem geschüttelten bzw. gerühreten Bermudadreieck. Für besonders Wahnsinnige Trinkfreudige hatte gegenüber Mike Werner seine Whiskeybar aufgebaut und verzückte dort mit neuen Bourbons und Ryes aus den USA und Canada - aber auch Old-Fashioneds und Manhattans wurden feilgeboten. Yeah!
 
Aber wir wollten ja über Rum reden. Das gelang den drei Herren vom Berliner Rumdepot offenbar besonders gut, die neben ihrer Eigenabfüllung und einigen süffigen Zuckerrohrbränden auch mit wohlschmeckenden Preziosen aus Japan aufwarten konnten. Wenn mir da nicht mancher Maltman abtrünig geworden ist. Gefehlt hat mir der Rum im Tasting- und Masterclassprogramm aber dann schon a bisserl. Von fast 50 Terminen befassten sich ganze sechs (!) mit Rum - die drei Vorträge zu Havana Club in der Chivas-Tram mitgerechnet. Ansonsten ging es je einmal um Appleton, Zacapa und Ron Aldea - zumindest letztere Marke ist neu auf dem deutschen Markt. Die ersten beiden kommen mir bekannt vor.
Noch was zu den Masterclasses. Die Eintrittspreise liegen mit 20 bzw. 35 EUR für ein Ein- oder Zwei-Tages-Ticket auf normalem Niveau - in München. Für Tastings und Vorträge darf man dann aber jeweils noch 10 bis 23 EUR extra drauflegen. Das mag für drei bis fünf Whiskies gut angelegt sein. Wenn der Vortrag dann aber in die Hose geht, weil der Referent (hier vom Cadenhead-Shop in Köln) akustisch nicht zu verstehen ist und er seine Flaschen nicht so präsentiert, dass auch alle sehen, was sie da im Glas haben, ist das schlicht unprofessionell.
 
(Vodka und Gin aus deutschen Landen)
Weiter bestens vertreten waren aber auch klare Brände. Aufgefallen sind mir dabei besonders positiv der gschmackige Vodka Vodrock aus dem schönen Niederbayern (ich sage nur Awaloff-Verfahren), der frische, citruslastige Bodensee Dry Gin von Senft und die beiden brandneuen maritimen Gins namens Marlin und Orca aus dem Hause Charles Hosie, die von Brennmeister Mario Gallone entwickelt wurden und in Kürze auf den Markt kommen. 26 Botanicals (u.a. Zedernholz) und One-Shot-Verfahren - klingelts? Na, dann sind Sie ja ein richtiger Nerd. Aber Gin war das Messethema 2014.

Lobenswert waren die Trinkwasserspender, die der Veranstalter aufgebaut hatte. Gleich daneben standen die Abwasserbehälter und rund um diese lebenswichtigen Stationen bildeten sich regelmäßig kleine Seenlandschaften. Die Crew hatte das aber im Griff - niemand ertrank. Vielleicht gibt es nächstes Jahr einen Mineralwassersponsor.
 

So, das wars schon. ...Ach, jetzt hätte ich fast noch die weltbewegende Präsentation von Ardbeg Ceò (sprich: Keo) vergessen. Das sah so aus: Staunende Whiskyheads stehen in einem Raucherpuff und saugen mit Trinkhalmen aufgedampften Islaymalt in sich hinein. Die nette Dame dort leiert ihren Text von Infrarottechnik etc. runter kann das Verfahren aber auf Nachfrage "nicht genau erklären". Ob die anfällige Technik, die nicht zum freien Verkauf angeboten wird, sondern nur in ausgewählten Bars zum Einsatz kommen soll, bis Messeschluss zumindest noch aus einem Schlot gequalmt hat, ist mir nicht bekannt. Hat nicht schon jemand so ein Apparillo bei Ebay angeboten? Für 1200 EUR? - Nein? Dann muss ich mich getäuscht haben. Mehrere Tester gaben mir gegenüber und voneinander unabhängig ihr Urteil mit "Schmarrn" ab. Diese Bayern eben.
Und gleich noch eine Obskurität. Diesmal vom Branchenprimus Diageo. Dort gab es eine verwegende Mischung aus Talisker, Sauerkrautsaft, süßem Senf und noch so allerlei aus Miniweißwurstschüsselchen zu verkosten. Was solo ziemlich beknackt schmeckte und übel roch, funktionierte mit Weißwurst und Breze als Senfersatz leidlich gut. Mancher verzog auch hier das Gesicht. Aber gut: Die Rezeptur hat ein Österreicher entwickelt. Felix Austria!

Hier noch ein paar Impressionen... 



(Ein Vip-Stand mit Absperrbanderl von... )

(Mein besonderer Dank geht an Willi Lettmair für die Unterstützunng in Sachen Fotografie und Trink-Know-How).